Social Entrepreneurship – Soziales Gründen liegt im Trend

22. September 2015, 16:08 :: Allgemein | News | Startup | Veranstaltung im STARTPLATZ

Autor: Matthias Gräf

Autorin: Anika Lotter

Social Entrepreneurship – Fachartikel

Sparzwänge und Budgetkürzungen der öffentlichen Hand im Sozialsektor, zunehmende soziale Ungleichheiten und der unaufhaltsame demographische Wandel zwingen deutsche Unternehmen, ihre soziale Verantwortung wahrzunehmen. Internationale Erfolgsbeispiele wie der nachhaltige Onlineshop TOMS mit Ihrem Slogan „One for One“ zeigen, dass unternehmerischer Erfolg durchaus mit sozialem Fortschritt kompatibel ist. Deutsche Beispiele sind die DialogMuseum gGmbH von Andreas Heinecke, die schwerbehinderten Menschen einen Zugang auf den ersten Arbeitsmarkt ermöglicht oder das Chancenwerk von Murat Vural, welches benachteiligte Schüler mit Migrationshintergrund Hilfestellung für den beruflichen Erfolg bietet. Aber was genau versteht man unter Social Entrepreneurship und wie ist der Status Quo in Deutschland? Wo liegen Potenziale für Unternehmen und welche Risiken gibt es?

Was ist Social Entrepreneurship?

Social Entrepreneurhsip, zu deutsch ‚Sozialunternehmertum’, beschreibt Unternehmen, die primär keinen Profit, sondern eine gesellschaftlichen Mehrwert schaffen wollen. So hat beispielsweise Muhammad Yunus 1983 mit der Gründung der Grameen Bank, die Mikrokredite an Menschen in Entwicklungsländern vergeben, bewiesen, dass unternehmerische Tätigkeiten einen langfristigen Ausweg aus der Armut bieten können. Unternehmerisches, soziales und innovatives Handeln zeichnet einen Social Entrepreneur aus. Initiativen in Deutschland werden von der öffentlichen Hand, dem Marktsektor und aus der Zivilgesellschaft heraus angestoßen, wobei letzteres den größten Teil ausmacht. Nach einer Studie des Centrums für Soziale Investitionen und Innovationen (CSI) der Universität Heidelberg, im Auftrag der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) im Jahre 2013, spannen sich die Aktivitätsfelder von Sozialunternehmen von wohlfahrtsstaatlichen Bereichen wie Jugendhilfe und Pflege über Bildung, Arbeitsmarktintegration, Fair Trade, alternativer Energiegewinnung, Umweltschutz bis zur wirtschaftlichen Regionalentwicklung. Ein Großteil der Sozialunternehmen in Deutschland sind Kleinstunternehmen mit einem Jahresumsatz von unter 250.000€. Es gibt einige wenige Akteure mit jährlichen Einnahmen von bis zu 5 Mio. €.

Social Entrepreneurship auf dem deutschen Markt

Social Entrepreneurship ist historisch betrachtet kein neues Phänomen in Deutschland. So haben Persönlichkeiten wie Adolf Kolping, der Gründer des Kolpingwerkes, und Wilhelm Raiffeisen, einer der Begründer der Genossenschaftsbewegung, bereits im 19. Jahrhundert nach dem heutigen Verständnis sozialunternehmerisch agiert. Initiativen der Wohlfahrtsverbände in den 1980er Jahren zur Integration von Langzeitarbeitslosen in den sog. „zweiten Arbeitsmarkt“ (alle Formen öffentlich befristet geförderter Beschäftigung von Arbeitslosen mit dem Ziel, diese möglichst in den Ersten bzw. Allgemeinen Arbeitsmarkt zu integrieren) durch die Werkstätte für Menschen mit Behinderung lassen ebenfalls den Schluss zu, dass Social Entrepreneurship im deutschen Kontext keinesfalls unbekannt ist.

Warum wird das Thema also gerade jetzt interessant für die deutsche Öffentlichkeit? Neue weltweite Förderplattformen wie Ashoka und Schwab Foundation bieten Beratung, Finanzierungshilfe oder ein kompetentes Netzwerk an Unterstützern und Partnern und geben deutschen Gründern die Möglichkeit, den Status Quo herauszufordern und neue Ideen umzusetzen wie noch nie zuvor. Awards und Auszeichnungen (Bsp. seif Award, startsocial) aber auch Veranstaltungen (Bsp. SensAbility) fordern Gründer heraus, Antworten auf gesellschaftliche Probleme zu präsentieren. Diese Gründungsdynamik wird unterstützt durch die Entwicklung der Forschungslandschaft und eine Ausdifferenzierung der Ausbildungsangebote. Neben neuen Lehrstühlen wird Social Entrepreneurship zunehmend in die Curricula vieler deutscher Hochschulen aufgenommen (TU München; FOM Münster; CEDUS Düsseldorf; BUW Wuppertal; RWTH Aachen; RUB Bochum; Leuphana Universität Lüneburg; European Business School Wiesbaden; Universität Hamburg; Zeppelin Universität Friedrichshafen; CSI Heidelberg; Universität St. Gallen; Wirtschaftsuniversität Wien). Die Angebote werden im Nonprofit-Management-Bereich als auch im Bereich klassischer Business Schools auf- und ausgebaut. Auch der Ausbau politischer Fördermaßnahmen wie beispielsweise das über die KfW abgewickelte Förderprogramm oder die Diskussion verschiedener öffentlich gesteuerter Regionalentwicklungsagenturen um spezifische Problematiken wie Wohnkonzepte für Ältere sind neben der Ausdifferenzierung der privaten Förderlandschaft ein weiterer Indiz für das Interesse an SE-Ansätzen.

Doch der Wunsch, als Social Entrepreneur aktiv zu werden, gründet sich nicht in den Unterstützungsmöglichkeiten, sondern vielmehr in dem wachsenden Bewusstsein für gesellschaftliche Missstände und das persönliche Bedürfnis nach sozialer Veränderung und sinngebender Beschäftigung.

So fordert der demographische Wandel alternative Lösungen und aktuelle Herausforderungen wie die Flüchtlingsthematik eine Antwort. Hinzu kommen Sparzwänge und Budgetkürzungen der Öffentlichen Hand, die darauf schließen lassen, dass beispielsweise Wohlfahrtsverbände in den Bereichen der Jugendhilfe oder der stationären Altenhilfe zukünftig vermehrt auf alternative und innovative Konzepte zurückgreifen müssen, um der Konkurrenz weiterhin gewachsen zu sein. Nach der Studie des WZB sehen 77% der gGmbH-Vertreter den Wettbewerbsdruck als kontinuierlich steigend, in den Genossenschaften und Vereinen sind es 48%. Große freie Träger (z.B. Stiftung Liebenau, Augsburger Lehmbaugruppe) betreiben bereits seit längerem systematisches Innovationsmanagement, um sich einen Wettbewerbsvorteil zu sichern. Auch bislang etablierte Verbände der Freien Wohlfahrtspflege wie Diakonie oder Caritas beschäftigen sich vermehrt mit der Innovationsthematik. Die Caritas mit ihrer bundesweiten Initiative Stromspar-Check zur Beschäftigung von Langzeitarbeitslosen, die Caritas Wien mit der Anstellung von Flüchtlingen aus aller Welt in dem Hotel Magdas oder die Diakonie Baden mit dem Integrationsbetrieb Loony Design sind hier beispielhaft.

Gründungsklima Deutschland

Die Auseinandersetzung mit sozialen Problemen, die Entwicklung von Lösungsstrategien und eine dementsprechende Umsetzung erfordert in der Regel einen hohen persönlichen Aufwand und Risikobereitschaft. Der Gründungsakt, unabhängig von der Wahl der Organisationsform, erfordert eine gewisse Bereitschaft der Gründer, sich mit der Idee auf den Weg zu begeben und Herausforderungen wie Finanzierung, Organisationsentwicklung usw. selbstbewusst gegenüber zu treten. In Anbetracht der deutschen Bereitschaft, profitorientierte Unternehmen zu gründen, ergibt sich ein weniger optimistisches Bild. Im Vergleich zu anderen Ländern scheint die Gründungsbereitschaft in Deutschland noch verhältnismäßig gering. Folgende Schwierigkeit ergibt sich daraus für Sozialunternehmen in Deutschland: Solange der Gründergeist vergleichsweise gering ausgeprägt ist, wird es auch schwierig sein, unternehmerische Tätigkeiten im sozialen Sektor voranzutreiben.

 

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Eine Umsetzung der eigenen Geschäftsidee scheint für Deutsche scheinbar keine Selbstverständlichkeit. Trotz dieser Schwierigkeiten belegen Studien derzeit, dass eine starke Gründungsdynamik vor allem bei gGmbHs und Genossenschaften besteht, die auch von Seiten etablierter Akteure ausgeht, die neue Geschäftsfelder erschließen oder interne Umstrukturierungen vornehmen (Intrapreneurship, Ausgründungen).
Im internationalen Vergleich ist ähnliches zu beobachten: Nach der CSI Studie 2013 gibt es in anderen europäischen Ländern und insbesondere in Großbritannien ebenfalls viele junge Organisationen (Start-Up Boom), auch in den USA besteht ein aufsteigender Trend an Ausgründungen von Sozialunternehmen durch klassische NPOs.

 

Für eine weitere Auseinandersetzung mit der Thematik soll der Social Entrepreneurship – Vortrag am 30. September um 18.00 Uhr, als auch der Social Entrepreneurship – Pitch am 20. Oktober um 18.00 Uhr im STARTPLATZ dienen, an dem erfolgreiche soziale Initiativen primär aus dem Rheinland zu Wort kommen und von ihrer Erfahrung berichten werden.

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