Gründerinnen im Interview - Apothekengeflüster

Kerstin Hinck – Gründerinnen im Interview

5. März 2016, 08:46 :: Allgemein

Autor: Victoria Blechman

Startup Name: Apothekengeflüster®
Dein Unternehmen in aller Kürze: # Beratungssticker #Patienteninformation #Apotheken & Ärzte

Team (Namen): Kerstin Hinck & diverse Dienstleister

Teamgröße: 8

Die Idee in 2-3 Sätzen: Circa 20.000 Menschen sterben in Deutschland jährlich aufgrund unerwünschter Arzneimittelwirkungen. Durch mangelnde Therapietreue entstehen jährlich Folgekosten in Millardenhöhe. Packungsbeilagen werden von Patienten nicht verstanden oder verängstigen. Dabei ist Abhilfe relativ einfach zu schaffen: Meist reichen wenige, gezielt kommunizierte Beratungshinweise, die zur korrekten Anwendung und der idealen Wirkung eines Medikamentes führen. Hier setzt Apothekengeflüster an: Die Beratungssticker werden in der Apotheke oder von Ärzten auf das Medikament bzw. auf die ärztliche Verordnung geklebt. Sie erinnern den Patienten zum Zeitpunkt der Medikamenteneinnahme über die gesamte Therapiedauer hinweg an die korrekte Einnahme. Zudem können die Apotheken und Ärzte im Handumdrehen ihren Service und ihr Fachwissen sichtbar machen und Kunden binden.

Ideenstart: August 2014

Der nächste Meilenstein: Gerade hinter mich gebracht (Belieferung einer Krankenkasse und des ersten Pharmaunternehmens). To be continued…

Lieblings-Prokrastination: Bloggen. Ich habe zig Ideen und Themen im Kopf, das Bloggen steht jedoch immer hinten an.

Warum das Rheinland/Warum STARTPLATZ: Rheinland = Jeföhl! Startplatz = Tolle Leute und ein absoluter Wohlfühlort für die arbeitsintensive Gründungszeit. Insbesondere auch wegen den vielen männlichen Gründern, von denen man sich als Frau so einiges abgucken kann und die so unglaublich hilfsbereit sind.


1. Was hat dich motiviert zu gründen?

[Kerstin:] Die Win-win-Chance, in einer Nische etwas die Welt und das Wohlbefinden der Menschen zu verbessern.

 

2. Was glaubst du, ist der Grund, warum es weniger Gründerinnen als Gründer gibt?

[Kerstin:] Hier sind meine 10 Gründe:

  • Insgesamt gilt wohl, dass Frauen eher die Gefahren und Männer eher die Chancen sehen.
  • Die Angst vor dem öffentlichen „Scheitern“ – ein typisch deutsches Phänomen. In den USA werden Personen, welche die Selbständigkeit gewagt haben, hoch angesehen. Dort wird die Leistung geehrt und dass sie sich etwas getraut haben. In Deutschland hingegen wird eher der Misserfolg wahrgenommen. Ich habe mehrmals den doppelten Stress mitbekommen, den vermeintlich „gescheiterte“ Gründerinnen durchlaufen, wenn sie sich wieder auf eine Position als Angestellte bewerben: „Was soll ich bloß im Vorstellungsgespräch sagen, wenn die mich fragen, wieso ich mit der Selbständigkeit aufhören will…“. Ich glaube, dieser demotivierende Umgang wird uns als Nation noch teuer zu stehen kommen, denn gerade in der heutigen Zeit werden gute Ideen und mutige Menschen dringend benötigt. An dieser Stelle möchte ich den Veranstaltern der „Fuck-up nights“ sehr danken.
  • Viele Frauen streben unbewusst danach, allen gefallen zu wollen. Dieses anstrengende Ziel sollte Gründerinnen gleichgültig sein, denn egal, wie gut und perfekt man ist, irgendwer hat immer noch weitere Wünsche und Anforderungen. Man sollte den Spieß bewusst umdrehen, denn es ist viel besser und hilfreicher, sich die Menschen in seiner Nähe bewusst auszuwählen. Welche Menschen gefallen einem, wer tut einem gut und ist wohlwollend, wer gibt einem Kraft und Inspiration? Negative Personen sind reine Zeitverschwendung.
  • Waschweiber-Gen: Viel Gerede, keine Action. Jetzt eine Idee für Frauen: Ich bin davon überzeugt, dass, wenn Frauen weniger tratschen würden und anstelle dessen diese Energie in die Umsetzung von Ideen stecken würden, wären ganz viele Frauen wesentlich erfüllter von ihrem Leben.
  • Gründerinnen stehen im Gegensatz zu Männern vor der Herausforderung, dass sie neben dem Geschäft, ggf. auch noch eine Familie managen müssen. Das geht nur mit entsprechend pfiffigen Männern.
  • Ich habe auch mal gelesen, dass Banken Gründerinnen seltener Kredite gewähren als Gründern, das fand ich ganz traurig. Offensichtlich wird Männern mehr bzw. Frauen weniger zugetraut. Wobei auch feststeht, dass Frauen erfolgreicher selbständig sind und zuverlässiger Kredite zurückzahlen. Frauen haben es wohl nicht nur als Angestellte doppelt so schwer, sich bei gleicher Leistung gegen Männer durchzusetzen, sondern auch als Selbständige. Ich selber habe lange gespart und gebootstrapped und mir so Sicherheit und Unabhängigkeit erschaffen.
  • Außerdem glaube ich, dass Frauen ihre Fähigkeiten unterschätzen und/oder weniger bereit sind, bislang unbekannte und vielleicht auch riskante Dinge zu tun.
  • Frauen sind „als Nestbauer“ meines Erachtens unbewusst damit beschäftigt, eine möglichst sichere Umgebung zu schaffen. Eine Gründung bringt auf den ersten Blick jedoch kaum Sicherheit. Man begibt sich in einen existenzbedrohenden freien Fall aus dem man sich mit eigenen Kräften herausholen muss. Man verlässt die eigene Komfortzone – und zwar ständig. Gründerinnen brauchen viel Mut, Optimismus und den unerschütterlichen Glauben daran, dass das Leben irgendwann wieder „sicher“ wird. Ich selber bin unglaublich dankbar dafür, dass ich als Frau in Deutschland geboren wurde. Ich fühle mich regelrecht dazu verpflichtet, jegliche Freiheiten hier zu nutzen oder zumindest auszuprobieren. Der Aspekt des subjektiv gefühlten „Sicherheitsverlustes“ relativiert sich mit Sicht auf die teilweise prekäre Situation der Frauen in der Welt. Was soll einer Gründerin in Deutschland schon schlimmstenfalls passieren? Scheitern? Pleite? – Das ist nicht wirklich schlimm. Mittlerweile spüre ich deutlich, dass der vielfältige Wissens- und Erfahrungsschatz einer Unternehmerin nicht nur Spaß bringt, sondern auch eine Art Sicherheits- und Freiheitsgefühl ist. Nur der Schritt aus der eigenen Komfortzone heraus bringt eine Horizonterweiterung und schafft eine ideale Grundlage für weiteres selbstbestimmtes Handeln.
  • Wichtige Fähigkeiten bei einer Gründung sind, dass man sich schnell in völlig neue Themengebiete einarbeitet und dass man Entscheidungen trifft. Es sind zig Entscheidungen dessen Konsequenzen man nie ganz überblicken kann. Da viele Frauen recht Risiko-avers denken, kann diese Kernaufgabe für Gründerinnen sehr anstrengend werden.
  • Ich glaube, auch bei dem Thema Vertrieb könnte es hapern. Eine noch so gute Idee verkauft sich nicht von alleine, sondern man muss sie vermarkten. Das bedeutet: Hardcore Vertrieb! Interessant fand ich die Erklärung meines Coaches, weshalb Frauen im Vertrieb, im Vergleich zu Männern, generell schlechter bzw. unterbesetzt sind. Frauen schämen sich unbewusst dafür, ein Produkt oder sich selbst zu vermarkten. Kulturell bedingt fühlt man sich als Frau unwohl im Vertrieb, da man unbewusst Parallelen zur Prostitution zieht. Männer im Vertrieb denken daran natürlich nicht und gehen daher ganz unbedarft und aufgeschlossen damit um. Damit wären wir bei dem Themenkomplex Selbstbewusstsein angelangt und dem Umgang mit Frauen und Mädchen in unserer Gesellschaft und Erziehung.

 

3. Gründen Männer anders als Frauen?

[Kerstin:] Im Existenzgründerworkshop habe ich gehört: Männer überschätzen sich, Frauen unterschätzen sich. Auch in der Gründerszene ist mir oft aufgefallen, wie optimistisch Männer an die Gründung herangehen. Ich finde, als Gründerin kann man sich diese „Leichtigkeit“ wohldosiert abgucken und mit der eigenen Denkweise mischen. Es ist wirklich beachtlich, wie überzeugend Männer von ihren Ideen schwärmen und an ihren Erfolg felsenfest glauben. Fasziniert von dem Selbstbewusstsein höre ich auch immer gerne zu, wenn Hochrechnungen von Business Cases präsentiert werden, die bis in die Millionen innerhalb eines bestimmten Zeitraumes reichen. Mit diesem Selbstbewusstsein ist der eine oder andere Kredit über zigtausend Euro schnell aufgenommen. Frauen habe ich hingegen noch nie über Hochrechnungen bis zum Millionärinnen-Dasein reden gehört. Frauen tauschen sich eher darüber aus, ab wann und wie sie Einkünfte generieren, von denen sie ganz normal (über-)leben können. Gründerinnen sehen die Dinge vorsichtiger oder realistischer. Ich denke, hier wirkt sich das weibliche Streben nach Sicherheit protektiv aus.

 

4. Was glaubst du, muss sich in der Startup-Szene verändern, damit mehr Frauen gründen?

[Kerstin:] Spezielle Förderprogramme für Frauen(-berufe), Vertriebscoaching für Frauen, Kinderbetreuung bzw. ein Netzwerk, das bei einem Personalausfall greift.

Ideal fände ich, wenn bspw. die Wirtschaftsjunioren oder Business Angels auf Gründerinnen ausgerichtete Hilfestellungen anbieten. Hier denke ich nicht nur an die sowieso schon tolle Beratung, sondern an eine ganz praktische Hilfestellung wie bspw. eine Plattform für Minijobs oder freie Aufträge, mit denen man als Gründerin sicher Einnahmen für seine monatlich anfallenden Fixkosten generieren kann, bis das Unternehmen lukrativ wird. Vielleicht auch einen Platz im Betriebskindergarten und ein freier Schreibtisch im Unternehmen. So kann man die Gründung sicher angehen und die ersten beiden teuren Jahre, die eine neue Idee meist bis zu den ersten Einnahmen braucht, relativ angstfrei überbrücken. Die Unternehmen können von der Gründerinnen-Power profitieren und innovatives Denken in den Betrieb holen.

 

5. Was für Möglichkeiten und Angebote für Gründerinnen gibt es bereits und hältst du diese für sinnvoll?

[Kerstin:] Speziell für Gründerinnen kenne ich wenige Angebote. Alle paar Jahre erhalten drei Frauen einen Preis von Darboven. Emotion zeichnet auch jedes Jahr gute Ideen aus. Am besten gefällt mir der direkte Austausch mit anderen Gründerinnen bspw. im STARTPLATZ oder beim Networking.

 

6. Was macht deiner Meinung nach eine erfolgreiche Gründerin aus?

[Kerstin:] Die Fähigkeit, in Extremsituationen handlungsfähig zu bleiben. Außerdem: Geduld, Durchhaltevermögen, Mut, Optimismus, Entscheidungsfreude, Pragmatismus, Rationalität, Selbsterkenntnis, Empathie, Ausstrahlung, Kompetenz, Kreativität, Flexibilität, Offenheit, Neugierde, Disziplin, Fokussierung, strategisches Denken, Menschenkenntnis, Networking, Kenntnis der eigenen Werte und der eigenen Ziele sowie ein schön kuscheliges, „dickes Fell“.

 

7. Gibt es für dich ein weibliches Vorbild in der Gründerszene?

[Kerstin:] Alice Schwarzer, Sophie Scholl, Mutter Theresa usw. – Sinnvolle Ideen und trotz aller Widerstände umgesetzt.

 


Du bist Gründerin und freust dich über Unterstützung? Ab sofort bieten wir im Düsseldorfer STARTPLATZ eine Sprechstunde speziell für Gründerinnen an. Hier könnt ihr sowohl eine kompetente Expertenmeinung zur Gründungsidee oder zu einem Marketingkonzept einholen, als auch eure Fragen zum Thema Fördermittel und Finanzierung beantwortet bekommen. Im Rahmen der Bootstrapping-Tarife bietet euch der STARTPLATZ zudem eine Vielzahl von Dienstleistungen zu stark rabattierten Preisen, um euch gerade in der Anfangsphase den Gründungsprozess zu erleichtern.

Oder ihr macht es wie Kerstin: Sie hat im Januar 2015 erfolgreich am STARTPLATZ Gründungsstipendium teilgenommen und konnte so Apothekengeflüster schnell, günstig und mit professioneller Unterstützung an den Markt bringen. Das nächste STARTPLATZ Gründerstipendium geht in wenigen Wochen in die zehnte Runde! Bewerbt euch jetzt!



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